22. Jul. 2011

Besonders schwer hatten es Familien in Kriegszeiten. Vor allem im 20. Jahrhundert sind viele Schicksale in Chroniken, Kirchenbüchern und in privaten Aufzeichnungen dokumentiert. Es war nicht so wie in der Gegenwart, dass die Sozialleistungen ein Überleben ermöglichten. Auch war es kaum möglich, der Armut durch viel Arbeit zu entfliehen. Ein Aufstieg auf der sozialen Leiter war bestimmten Gesellschaftsschichten unter anderem durch verschiedene zeitgeschichtliche Umstände einfach verbaut.

Besonders im ersten Weltkrieg, welcher 1914 begann, traf es viele Deutsche hart. Er kostete insgesamt ungefähr 17 Millionen Menschen das Leben. Ca. 40 Staaten waren an ihm beteiligt, Militärhistoriker gehen davon aus, dass ungefähr 70 Millionen Menschen kämpften. Oft mussten junge Väter in den Krieg ziehen, sogar noch kurz vor 1918 wurde eine große Zahl von Familienvätern eingezogen. War der Vater offiziell gefallen, bekam die Kriegswitwe nur eine kleine Rente. Da es damals noch nicht allgemein üblich war, dass die Frauen arbeiteten, traf es solche Restfamilien besonders hart. Hatten sie keine Familienmitglieder, bei denen sie unterkommen konnten, war es sehr schlecht um diese Menschen bestellt. Es existierte auch kein Arbeitsmarkt für Frauen, das war in der damaligen Gesellschaft einfach unüblich. Viele Mütter hielten sich und ihre Kinder mit kleinen Dienstleistungen über Wasser. Sie wuschen, bügelten und kochten bei Leuten, die besser gestellt waren. Auf dem Land war es noch etwas leichter, mit dieser Situation fertig zu werden: Auf den großen Bauernhöfen war Feldarbeit gegen Lohn oder Naturalien möglich. Dazu konnte die Frau sich und ihre Kinder von einem kleinen Stück Pachtland ernähren oder, wenn sie einen Garten besaß, aus diesem. Die Frauen der damaligen Zeit waren wirkliche “Überlebenskünstler” deren Leistungen leider kaum in Geschichtsbüchern gewürdigt werden. Diesen Lebensumständen zu entfliehen, war für die Frauen eigentlich lediglich durch eine Neuverheiratung möglich. Allerdings war die Auswahl an Männern nicht besonders groß; zu viele mussten an den Fronten kämpfen und fielen. So verehelichten sich zahlreiche Frauen mit weitaus älteren Männern. Altersunterschiede von 10 oder 20 Jahren waren keine Seltenheit. Witwer oder auch geschiedene Männer konnten daran denken, wieder in den Stand der Ehe zu treten. Damit war es der Frau und ihren Kindern möglich, ihrer Armut zu entfliehen.

Eine Ehe konnte allerdings nur dann eingegangen werden, wenn der erste Mann an der Front gefallen war und eine Sterbeurkunde vorlag. Viele Soldaten wurden vermisst. Das heißt, es gab keine Leiche und damit wurde keine Sterbeurkunde ausgestellt. Das war besonders schlimm für die Familien, die dann eine lange Zeit im Ungewissen lebten. Es war für die Frauen eine sehr starke psychische Belastung neben der in ihrer Familie herrschenden Armut. Es gab die Möglichkeit, den Vermissten offiziell auf dem Amtsweg für tot erklären zu lassen. Aber kaum eine Frau leitete gern diesen Verwaltungsakt ein. Die Geldnot im Alltag zwang viele dazu. Erst wenn die Todeserklärung vorlag, war es möglich, eine neue Ehe einzugehen.

Kategorie:      Allgemein Soziales
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